Annäherung an Ellis Neu

In ihrer künstlerischen Arbeit entwickelt Ellis Neu einen geschlossenen Werk­kosmos, der mal stärker, mal weniger stark figurative Elemente aufweist, aber nie eindeutig wird in der Bildsprache. Neben der Liebe zum Papier als Grund­material ist es das Zusammen­wirken von Schrift­­fragmenten, Zeichnung und Fundstücken, das den charakteristischen Grundtenor ihrer Bilder bestimmt. Dabei ist der weiße „Bildraum“ ein wesentliches Ausgangs­element. Er ist Inspirations- und Resonanzraum für eine Atmosphäre der Stille, Meditation und respektvollen Würdigung des Dargestellten. Er verkörpert Leere, Reinheit, Anfang – in gewisser Weise einen Raum der „Unschuld“, in dem alles „aufgehoben“ ist.

Szene aus dem Ausstellungsvideo „… und weiß“ (externer Link)

Auf diesem weißen „Grund“ arbeitet die Künstlerin in Serien, die oft gedanklich ineinander­greifen. Für die Serien garden 2 und garden 3 etwa ist die Auseinander­setzung und intensive Arbeit im eigenen großen Garten mit reichlich Einblick in die Pflanzen- und Tierwelt ausschlaggebend. Dieses direkte und intensive Erleben von Natur taucht darüber hinaus in dem für die Künstlerin charakte­ristischen knappen Zeichenstil in vielerlei Gestalt auch in anderen Arbeiten wieder auf – in den memory boxes ebenso wie in den Serien cross over, out of all things, alone oder in den neueren messages from afar.

Die messages from afar erweitern das Naturthema um kultur­geschichtliche Facetten, indem archaische Figuren und schlichte Gefäßformen eingebracht werden, die an Höhlen­malerei denken lassen, einen scheinbar rituellen Charakter aufweisen können und in der Serie from afar zu einer rätsel­haften Binnen­­erzählung verdichtet wurden.

Als „Erinnerungs­speicher“ bezeichnet Ellis Neu viele ihrer Arbeiten. Gesammeltes, Gefundenes, Angespültes wird zu Landschaftlichem, spiegelt Gelebtes und Gewachsenes. Es steht für Zeit und Überzeit­lichkeit, für Beständigkeit ebenso wie für Vergänglichkeit, ist Geheimnis und Versprechen zugleich.

Insbesondere die memory boxes mit ihrer Zusammen­führung von Gezeichnetem und realem Objekt erscheinen dabei gleich einem Tagebuch aus Versatz­stücken des eigenen Erlebten. Durch die eingebauten Fundstücke gewinnt der von der Künstlerin geschaffene Kosmos eine weitere „real greifbare“ räumliche Dimension. Diese Dinge tragen gleichzeitig ein schon gelebtes Leben in sich, haben eine gewachsene, vielleicht versehrte Materialität und bergen Geschichten, die die Künstlerin gleichsam aufspürt und sichtbar macht. Hier scheint die kreative Arbeit vergleichbar mit der eines Archäologen, der tief schürft in den Schichten der Erde, um Erkenntnisse zu erlangen. Dieses „Schürfen“ in einem „urzeitlichen“ Gedächtnis ist für Ellis Neu in vielerlei Hinsicht ein Thema.

Diese Suche begegnet einem sowohl in den dargestellten wie auch in den gefundenen Objekten – etwa in der Serie Je marche sans rien effaroucher. Ursprünglichkeit spiegelt sich in dem charakte­ristischen knappen Zeichenstil, der an Kinderzeichnungen ebenso erinnert wie an frühzeitliche, archaische Höhlen­­malerei. Gedanken an Höhlenmalerei, aber auch Graffiti, können im Werk von Ellis Neu sowohl bildlich wie auch textlich assoziiert sein, indem etwa in den Serien Là-haut…, Durch die Sternwüste oder Wildnisse, den Tagen eine Textzeile mit in eine pastose Farbhaut eingeritzten Linien kombiniert wurde. Es sind krakelige, bewusst „unperfekte“ Linien, die eine spontane Entstehung ebenso vermitteln wie sie einen konzentrierten und intensiven Eindruck hinterlassen.

Ein subtiles Gewebe aus Buchstaben, Worten, Schriftfragmenten und Zeichen­spuren mutet an wie eine Form von ecriture automatique im Sinne der Surrealisten. Ein unbewusstes Zeichnen und Schreiben, aus dem Worte, manchmal ganze Sätze des eigenen Erinnerungs­speichers hervortreten. Ebenso ist Text und die intensive Auseinander­setzung damit – etwa die Gedichte von Paul Celan – eine wichtige Inspirations­quelle, mit der immer wieder gerne gespielt wird. Schreiben, Kritzeln und Malen scheinen in ständigen Metamorphosen eng miteinander verwoben.

Es sind kryptische Chiffren, die nicht zwangsläufig lesbar sein sollen und in keinem Fall als Erklärung dienen, sie sind vielmehr ein eigenständiges und innerhalb des Werkkosmos der Künstlerin wesentliches Element der Gestaltung.

Mit wenigen, wiederkehrenden und miteinander verwobenen Mitteln lässt uns Ellis Neu eintauchen in die Essenz der Dinge und des Lebens, voll melancholischer Sinnlichkeit und poetischer Stille – ein Werk, das einlädt zum Innehalten und Durchatmen.

Dr. Kristina Hoge, Heidelberg, im Januar 2026


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