Spuren im Schnee

„Geschriebenes, Gefundenes, Geformtes, Gefaltetes – geheimnisvoll wie Spuren im Schnee – wird hier zu einer neuen Ordnung parallel zur Natur“, schreibt die Kunsthistorikerin Susanne Himmelheber über die Arbeiten von Ellis Neu (2002). 

 

Mit den vier Partizipien, deren Vorsilbe jeweils auf das Ergebnis einer Tätigkeit – Schreiben, Finden, Formen, Falten – verweist, ist präzise das Spannungsfeld beschrieben, in dem sich das Schaffen von Ellis Neu bewegt. Es werden die Verfahren benannt, deren sich die Künstlerin bedient, aber die Aufzählung meint nicht allein das Repertoire unabhängig von- und nebeneinander einsetzbarer gestalterischer Möglichkeiten, sondern darüber hinaus deren innige und spezifische Verknüpfung miteinander. Dabei sind Tätigkeiten am Werk, die mit Achtsamkeit, Beobachten, Wahrnehmen zu tun haben, und andere, die zugreifen, verändern, auf Vorgegebenes kreativ reagieren. 

 

Denn Ellis Neu belässt es nicht bei der Präsentation des Gefundenen, das sich im Zugriff persönlicher Aneignung wandelt, sondern fügt Gemachtes hinzu, ergänzt, kontrastiert, kommentiert. Bevorzugtes, doch keineswegs einziges Material solchen Tuns ist Papier, uns geläufig zumeist nur als zweidimensionaler Träger von Information, doch unter den Händen der Künstlerin wird es zum plastisch-räumlichen, haptisch-skulpturalen Element einer komplexen, mehrdimensionalen Inszenierung. Auf diese Weise, so lässt sich dem zitierten Satz weiterhin entnehmen, entsteht auf geheimnisvolle Weise etwas Neues, neu auch als „Ordnung parallel zur Natur“, als Antwort auf Gesehenes, Erfahrenes, Erlebtes.

 

Ellis Neu fühlt sich als Archäologin. Sie weiß ihr Agieren der „Spurensicherung“ Christian Boltanskis ebenso verwandt wie dem grafischen Gestus eines Cy Twombly. Sie ist als Nomadin unterwegs zwischen der Welt der Bilder und jener der Bücher, der Welt von dinghaften Zeichen und zeichenhaften Dingen. Gelesenes und Aufgelesenes, notierte Gedanken, handschriftliche Kommentare haben für sie die gleiche Bedeutung wie kleine Holzstückchen, die sie auf dem Weg nach Santiago de Compostela aufsammelt, oder Treibgut von der bretonischen Küste. Ellis Neu reist gern und viel. Sie bringt von ihren Reisen reiche Ernte mit – Materielles und im Gedächtnis Bewahrtes.

 

„Was auf meinem Arbeitstisch liegen bleibt, wenn ich lange gearbeitet habe, gefällt mir am besten“, sagt Ellis Neu. Und Susanne Himmelheber ergänzt: „Solches Liegengebliebene sind notierte Gedächtnisfragmente, gefaltete Schiffchen, Holzstücke, abgeknickte Lochstreifen, archaische Zeichen, nummerierte enigmatische Kreise, ausgebleichtes Strandgut – jedes Fundstück geklebt auf eine Papierinsel, horizontal und vertikal auf weißem Grund angeordnet.“ 

 

Man sieht: Ellis Neu begibt sich nicht nur auf Spurensuche, sie legt auch selbst Spuren. Spuren, die irgendwoher kommen und irgendwohin führen, festgehalten in den Momentaufnahmen der „Memory Boxes“, kleiner, kostbarer Reliquienschreine, Epitaphien einer Erinnerung, die viel weiter zurückweist als auf das tatsächlich Erinnerte, markiert doch der Moment des Findens einen eher willkürlichen Eingriff in die viel weiter zurückreichende und noch längst nicht abgeschlossene Geschichte des Gefundenen, allerdings einen bedeutsamen. Denn nun verbindet sich die Geschichte des Objekts mit der des Subjekts, der Künstlerin.

 

Muscheln, Steine, uraltes Holz, das der St. Lorenz-Strom angeschwemmt hat, treten in einen Dialog mit archaisch anmutenden Umrisszeichnungen, Bildern, aus denen Zeichen entstehen oder entstehen könnten, Piktogramme, aus denen sich Schrift entwickelt. Die Grenzen zwischen Zeichen und Bezeichnetem werden geöffnet, das Ganze jedoch weder nach dekorativen noch nach didaktischen Gesichtspunkten sortiert, sondern so komponiert, dass Rhythmen entstehen, Zeilen, Entsprechungen und Gegensätze, Ähnlichkeit im Gegensätzlichen, Gegensätzlichkeit im Ähnlichen. Das Resultat ist visuelle Poesie.

 

Als studierte Philologin ist Ellis Neu Sprache und Schrift engstens verbunden, sowohl was die Inhalte als auch was die Form betrifft. Textfragmente, poetische Zitate, Gedankensplitter unterschiedlichster Provenienz verbinden sich in ihren Arbeiten mit urtümlichen Schriftzeichen, teils existierenden, teils subjektiv nachempfundenen, die ihrerseits ihre Herkunft vom Bezeichneten nicht verhehlen. Das Spannungsfeld von Bild- und Schrift, wie es sich in archaischen Zeichensystemen manifestiert, hat Ellis Neu schon früh interessiert. Eine Initialzündung ihrer Kunst war die Begegnung mit dem Schaffen der Inuit, deren Kunst sie mit Begeisterung sammelt, die Begegnung mit den in Stein oder Knochen geritzten Chiffren einer faszinierenden Kultur.

 

Abschließend: Der Hinweis auf „Schnee“ kann durchaus wörtlich genommen werden. Er steht hier weniger als Metapher für irgend ein Medium, das als Voraussetzung jedes Sichtbarwerdens unabdingbar ist, als vielmehr ganz konkret für die von der Künstlerin bevorzugte Farbe Weiß, die viel eher lichthafte Summe aller Farben als Nichtfarbe ist. Und natürlich hat auch sie mit der Welt der Inuit zu tun. Spielte im Schaffen von Ellis Neu zunächst das Weiß des Papiers eine tragende Rolle, so gewinnt es in den neueren Werken auch als Materie plastische Qualität. Zeichnungen werden in die noch weiche Ölfarbe hineingeschrieben, häufig so vehement, dass die Bleistiftspitze im Farbgrund stecken bleibt. 

 

Damit kommt ein weiterer Aspekt von Schrift zur Geltung, nämlich der expressive Duktus der Hand, der Rhythmus informeller Gestik. Fungierten in früheren Arbeiten nicht selten Textfragmente – in geschwungener, lesbarer Handschrift notiert – als Ausgangspunkte und Bausteine von Bild-Kompositionen, so verselbständigt sich in den neueren häufig der grafische Duktus. Dabei wird Text zur Textur und Farbe zum plastischen Material. Einmal mehr – nach den frühen Papierarbeiten nicht verwunderlich – wird deutlich, dass nicht eigentlich Malerei das Metier dieser Künstlerin ist, sondern ein Ausloten der Grenzen und Gemeinsamkeiten der ohnehin in vielfacher Hinsicht eng verwandten Medien Zeichnung und Skulptur – eine Beobachtung, die durch kleine skulpturale Objekte noch bestätigt wird.

 

Sowohl die Zen-Mönche als auch die mittelalterlichen Zisterzienser wussten es: In der selbstgewählten Beschränkung liegen Chancen der Bereicherung, Intensivierung und Entfaltung. Die Vorliebe für das Weiß bedeutet für Ellis Neu nicht Verzicht, sondern im Gegenteil Steigerung ihrer Möglichkeiten – Hinwendung zur Summe der Farben, zum Licht. Im nuancierten Spiel von Licht und Schatten, in der Balance von freiem Fabulieren und strenger formaler Disziplin wird aus Erinnerung Gegenwart, entsteht aus den Spuren erlebter Wirklichkeit – nach einem Wort von Paul Klee – eine neue Ordnung parallel zur Natur. 

 

Hans Gercke, Heidelberg, im August 2010

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